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Armin Chodzinski
Varieté Chinois (2013)
24.01. - 14.03.2014

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Armin Chodzinski
Varieté Chinois (2013)
24.01. - 14.03.2014
Eröffnung: Donnerstag, 23. Januar 18-22 Uhr

 

Ein Text zur Ausstellung Varieté Chinois (2013):

Ausgangspunkt für die Titelgebende Videoarbeit Varieté Chinois war eine Ausstellungseinladung nach Nanjing/China (2013). Wie eine verklausulierte Nummernrevue versucht Chodzinski darin die herrschende westeuropäische Ich-Zentrierung vorzuführen. Am Ende der Fachkompetenz entscheiden weit weniger Kategorien des Könnens, sondern vielmehr die Kategorien des Wollens über die gesellschaftlichen Positionierungen:

„Es ist ein Film zu sehen, der aus unterschiedlichen Kapiteln, aus unterschiedlichen Miniaturen besteht. Eine holperig verkrampfte Revue: Akrobatik mit der runden Bühne, ein verkrampfter Tanz, ein lockerer Tanz, ein Mann zieht sich 500 Euro in 5 Euro Scheinen aus dem Mund. Ein Mann langweilt sich, ein Mann pustet Seifenblasen. Eine Aneinanderreihung von Praktiken die gerne Handlungen wären, aber letztlich nur der melancholischen Selbstvermarktung und Zurschaustellung dienen. Hinter dem Friedhof des Kollektiven, das nur noch ein ästhetisches Zitat ist, schöpft der Einzelne einsam aus sich selbst, ohne Adressaten, ohne Publikum, ohne Kompetenz.“

Viele Bühnenshows, die Chodzinski in den letzten Jahren aufführte basieren auf der Revue, dem Varieté oder dem Vaudeville als tradiertes Format der unterhaltenden Vermittlung, so lag es nahe, mit Varieté Chinois einen Titel zu wählen, der als Assoziationsfeld eben genau zwischen Wollen und Können, zwischen den Kontinenten, zwischen den Systemen einen zweischneidig poetischen Rahmen eröffnet.

Fahne und Flagge sind etymologisch stark unterschieden. Während die Flagge die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, Körperschaft oder Nation anzeigt, gehisst wird und in ihrer Einfachheit unendlich reproduzierbar ist, gilt die Fahne als ein Einzelstück. Die Fahne ist nicht austauschbar, für einen bestimmten Zweck meist aufwendig hergestellt und fest mit dem Fahnenstock verbunden, gilt die Fahne als Vertretung einer – auch temporären – Gemeinschaft. Fahnen gibt es im Fußballstadion. Aufwendig gestaltete Zeugnisse und Variationen der Vereinsflagge, die Kommentierungen vornehmen, Perspektiven klären und kritische Reflektion dokumentieren. Fahnen gibt es auch auf Demonstrationen. Fahnen oder Schilder, die von Flaggen überlagert werden, die die individuellen Kommentierungen vereinnahmen wollen.
Die Verbindlichkeit mit der Fahnen und Flaggen im Protest gegen die Verhältnisse eingesetzt wurden und damit auf einen Gegenentwurf verwiesen hat sich aufgelöst. Die unstrukturierte Form des Dagegen, namentlich die Wut, bahnt sich ihren Weg und sucht sich ihre individualistischen Bildwelten.

„Ich nähe Fahnen. Ich kann nicht nähen, aber ich nähe Fahnen. Ich hatte immer ein ambivalentes Verhältnis zu Fahnen. Mich hinter, unter oder neben einer zu versammeln fiel mir schwer. Es löste Nervosität und Atemnot aus. Und dennoch beruhigte mich die grundsätzliche Existenz der Fahne und derer die sich darunter versammelten, weil sie mir erzählten, dass es das noch gibt, das Gemeinsame. Mit den Fahnen pflege ich meine Wunden. Ich versuche nicht viel weniger, als zu verstehen wie es ist mit der Welt, die sich in der Konkurrenz, in den ICH’s und den konstruierten Marktgesetzen verfängt und zu stolpern droht.

Armin Chodzinski schweigt. Zwischen vielen Stühlen sitzend ist der Künstler, Forscher, Performer, Vortragskünstler, Ex-Manager, Autor, etc. vor allem dadurch bekannt, dass er wortreich die Welt, bzw. seine Sicht auf die Welt erklärt: Im Radio, im Theater, auf Symposien, in Universitäten, in Büchern, im Fernsehen, auf Ausstellungen...
Das täuscht manchmal darüber hinweg, dass sich sein Zugang zu den Dingen vornehmlich aus der bildenden Kunst speist. Bei aller Diskursivität und Lautstärke steht das Material, die Form, die Klugheit des künstlerischen Tätigseins und das Dummwerden vor der ästhetischen Erscheinung im Mittelpunkt seiner Arbeit. Nein, Chodzinski ist kein Intellektueller, sondern ein Künstler, der um die Herstellung von Sichtbarkeit ringt. Dabei spielt die körperliche Erfahrung, die ästhetische Wahrnehmung und das Selbstexperiment eine weit aus größere Rolle als die theoretische Durchdringung. Als Zeitdiagnostiker innerhalb einer überhitzten und kulturalisierten Ökonomie sind es denn auch vor allem die Identitätskonstruktionen, die er am eigenen Beispiel untersucht. Natürlich entwickeln sich aus den vielschichtigen Zugängen ebenso vielschichtige Arbeiten.

Alles in Allem sind die in dieser Ausstellung versammelten Werke aber keine Bilderrätsel oder dechiffrierbare Botschaften!
Es ist was es ist: offen, vielschichtig, poetisch und sprachlos, denn: Chodzinski schweigt.

Armin Chodzinski