galerie julia garnatz
Robert Haiss
naheliegend
28.01.–17.03.2012

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Robert Haiss
naheliegend
28. Januar–17. März 2012

Eröffnung: Freitag 27. Januar 2012, 18 – 22 Uhr

 

Wenn etwas naheliegend ist, dann ist es laut Duden einleuchtend, eindeutig, klar, logisch, nachvollziehbar, plausibel, schlagend und sogar zwingend. Es bietet sich an und es liegt nahe. Naheliegend, das ist der Titel der Ausstellung von Robert Haiss – und das ist er auch wieder nicht. Schneereste liegen auf dem Gehweg und den Stufen zu einem Hauseingang, der im Ausschnitt an der rechten Bildseite zu sehen ist. Im Fokus des Bildes liegt die Stelle, an der der Bürgersteig an den hellblauen Sockel eines Gebäudes grenzt. Im Sockel befindet sich ein Kellerfenster mit sternförmigen Lüftungsschlitzen. Auf den ersten Blick wirkt der Bildausschnitt wie ein zufällig ausgelöstes Foto, nachdem man die Hand mit der Kamera bereits vom eigentlichen Motiv abgewendet hat. Doch der Bildausschnitt ist bewusst gewählt.

Robert Haiss sucht den flüchtigen Blick und sammelt regelrecht das „En passant“, das leicht zu übersehende Naheliegende: Hausecken, Fußleisten, Container, Türklinken, Zimmerecken, Raumdetails, Abflussrohre, Bodenplanken und hin und wieder auch mal eine menschliche Figur. Hat der Künstler erst mal einen flüchtigen Blick für sich eingefangen, beginnt er ihn eingehend malerisch zu untersuchen. In vielen Perspektiven nähert er sich an und variiert Lichtverhältnisse, Umgebung und Farbe. So entstehen Gruppen oder Serien, wie kleine Erzählungen. Sie binden jedes einzelne Bild in die Gruppe ein und lassen es zugleich autark stehen, mit seiner eigenen besonderen Narration.

Still und trotz - oder vielleicht sogar gerade wegen der Allgegenwärtig- oder Alltäglichkeit seiner Motive beinhalten Haiss’ Bilder stets etwas Rätselhaftes. Sie beinhalten die Ambivalenz von Vertrautheit und Verfremdung, von Gegenständlichkeit und Abstraktion und loten akribisch all’ ihre malerischen Möglichkeiten aus. Meist kleinformatig und in eher zurückgenommenen Farben thematisieren sie Aufmerksamkeit und den Sehvorgang. Multisensorische Erfahrungen evozieren Haiss’ Szenarien. Mal ist es das Geräusch einer sich öffnenden Tür oder das Gefühl von speckigem Leder, die feuchte Kälte des morgendlichen Nebels oder der Geruch einer brennenden Kerze.

Robert Haiss greift in seiner Bildsprache immer wieder auf den 19.-Jahrhundert-Realismus eines Adolph Menzel zurück und übersetzt diesen in eine sehr individuelle Form, die sich in keine gängige zeitgenössische Strömung richtig einordnen lässt. Haiss’ ungewöhnliche Konfrontation mit Unerwartetem, mit Leere, Zufälligkeit und Fragmentierung schafft fokussiert nahsichtige Bilder, denen sich der Betrachter, hat er sich einmal darauf eingelassen, kaum mehr entziehen kann.

Save the date:
Samstag den 3. März, 15 Uhr
Regina Barunke im Gespräch mit Robert Haiss