galerie julia garnatz
Marie-Luise Lebschik
29.01.-19.03.2011

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Köln 28.1.2011

Eine Einführung von Mayen Beckmann

Liebe Marie Luise, liebe Frau Garnatz, sehr verehrte Damen und Herren,

Niemandem von Ihnen, die Marie Luise Lebschik oft seit vielen Jahren begleiten, ist verborgen geblieben, dass sie eine ganz besondere Künstlerin ist.

So leise wie sich ihre Bilder von jungen Mädchen in unser Leben schleichen, so leise, behutsam ist auch sie. Der Weg zu ihren Bildern ist lang, zaghaft, sich immer wieder versichernd. Die Töchter von Freunden, über sie die Balletschule, sind ihr Jagdgrund, hier fotografiert sie, schwarz-weiß oder aber auch farbig und versichert sich so ihrer Sujets.

Haben Sie erlebt, wie Marie Luise auf die Jagd geht?
Da sehen Sie auf der einen Seite eine unter Umständen sehr schlecht gelaunte 13 Jährige, die an dem Nachmittag grade etwas ganz anderes vor hatte und eine kleine, zarte Person, kaum größer als das Mädchen, mit einem Fotoapparat.

„Warum muss ich…“. „Na, wansd net magst… na brauchsd net, na, wirkli net…“

Im Verlauf der kleinen Diskussion hat man das Gefühl, als verwandle sich die Fotografin immer mehr in den hinter ihr liegenden Hintergrund, sie wird immer jünger, immer unsichtbarer. Es gibt Buschmänner, die so jagen, sie verwandeln sich in die Gazelle, in das zu jagende Tier, in Bäume oder Gras, so dass sie ganz nahe kommen können, ohne Angst zu erregen oder Aufsehen.
Das Mädchen fängt an sich zu bewegen, fast als wäre niemand da, als würde es sich selbst vor einem mitlaufenden Spiegel erproben. Wie eine Blume im extremen Zeitraffer streckt und rekelt sich, steht oder geht das Geschöpf und doch hat man das Gefühl, dass beide Menschen wie durch ein Gummiband verbunden, gemeinsam etwas ausprobieren. Kleine kurze Vorschläge, wie Vogelzwitschern kommen von der Fotografin und das Mädchen, im Normalfall auf Selbstbestimmtheit großen Wert legend, folgt ein bisschen wie in Trance den Vorschlägen. Große Stille herrscht um die Jägerin, die so jung erscheint wie ihr „Opfer“ und das junge, bald zur Frau werdende Mädchen. Die Auflösung der Intensität ist ein Lachen.
Ich kann mir gut vorstellen, wie Marie Luise Lebschik sich Stunden in der Ballettschule aufhält und fotografiert und die Mädchen sie eigentlich gar nicht wahr genommen haben.

Heute haben Sie hier das Vergnügen in einem kleinen Film Zeuge zu werden von diesem Teil der Arbeit, aufgenommen vor einiger Zeit in Wien und nun eben fertig bearbeitet.

So entstehen unscheinbare, oft leicht unscharfe Fotos, grobkörnig abgezogen, Farbfotos, die Oberflächen haben wie Perlmutt, klein, im Vergleich zu den Fotos anderer Fotographen winzig abgezogen, als ein Reservoir an Bildideen. Mädchen umfangen von noch unschärferen Räumen, still. Diese Fotos dekonstruiert die Künstlerin in einer Vielzahl von Zeichnungen. Details werden aufgegriffen, herausgelöst, abgetastet. Gruppen bilden sich, stenogramierte Raumdetails stellen sich um die zierlichen Geschöpfe, offene Räume, die sich auseinander öffnen, hintereinander staffeln, deren größter Halt hier die Ballettstange, da ein Sofa ist. Manche Figuren sind wie Umrisszeichnungen, zweidimensional als wären sie ausgeschnitten.
Ich sollte hier wohl sagen, dass für diese Ausstellung eine Vorzugsausgabe des vor einiger Zeit bei DuMont erschienen Buches mit dem schönen Text von Sloterdijk und einer beigelegten Zeichnung entstanden ist.

Wenn wir Ballett – Bilder denken, denken wir an Degas, wir hören die Tüllröcke rascheln, den Klavierspieler im Hintergrund durch sein Spiel den Bewegungsrythmus geben, fühlen das Geräusch der Spitzentanzschuhe, Dunkelheit gibt den Bühnenraum, das Licht des Scheinwerfers fängt sich in den vielen Lagen feinen Stoffs der Röcke und wird reflektiert von den glänzenden Leibchen und Haaren. Selbst wenn die Tänzerinnen in einer Pause entspannen bleibt das Gefühl Rascheln und Atmen zu sehen immer gegenwärtig.
Auch wenn der Arbeitsweg beider Künstler objektiv ähnlich ist und das Thema dasselbe und beiden Künstlern am Ende das Thema der reinen Malerei treibende Kraft ist, ein unterschiedlicheres Ergebnis kann man sich nicht vorstellen.
In Räumen ohne Lichtquelle bewegen sich schattenlos und tonlos junge Frauen. Die Musik, die alle in gleicher Bewegung vereinen würde, schweigt, Pause. Die eine oder andere probiert ansatzweise eine Bewegung, sieht in den Spiegel, kleine Gruppen stehen still beieinander, einzelne entspannen sich kauernd oder liegend. Eingefangen in transparente Lagen von reiner zarter Farbe, den vielfältigen Blaus des Himmels, transparentem Rosa über Weiß, fliegendem Gelb, einmal hier sogar fluoreszierendem Nacht-leuchtendem kaltem Gelb, zu atmendem, grau zusammenfließenden, sich überlagernden und auslöschenden Farben, gehen die Mädchen fast im Raum auf.
Kaum kräftiger als die Farben der Wände sind ihre Leibchen, Strümpfe, Schuhe. Gäbe es nicht die zitternd nervöse definierende Zeichnungslinie, die die Volumen der Körper der jungen Mädchen begrenzt und gegen den Raum definiert und das Inkarnat der Haut: diese Mädchen, die in dem Moment des fotografiert-werdens wohl keine Kunst mehr schaffen werden, müde sind, würden in der Wand verlorengehen, verschwinden wie Gespenster. Doch die zarte, dunkle Bläue der Linie, atmend aus dickerem Pinsel oder dünn, exakt wie aus kaligraphischer Feder definiert diese pausierenden jungen Geschöpfe, im Zwischenreich ihres Seins, ihres Tuns.
Aufregend fand ich neulich im Atelier ein unfertiges Bild, das hier nun ganz verwandelt hängt: Eine zartfarbig grundierte Leinwand mit verstreuten Gruppen von Figuren. Kein Raum, keine Verbindung, keine Erzählung. Nur reine Malerei in der Fläche. Kann man so anfangen ein Figurenbild zu malen? Ganz ohne das Gerüst der Linie, ein Hochseilakt ohne Netz?

„Des Bild ist net fertig, I was net ob I´ schaff, es is so schwer.“

Was ist passiert seither? Eine kleine Revolution: Eine fremde völlig gerade, diagonale Linie teilt von links oben nach rechts unten den Raum in etwas wie Vordergrund und Hintergrund. Zwei Riesinnen beobachten den Raum von der Rampe, die Größenverhältnisse der Mädchen zu einander haben sich ins irreale verschoben und die Abstraktion, die skizzenhaft gezeichnete Idee einer im Spagat Sitzenden verbindet die einzelnen aus unterschiedlicher Distanz wahrgenommenen Gruppen. Durch dieses Stilmittel der Collage lässt uns Marie Luise gleichzeitig als Betrachter an mehreren Orten im Raum und in einer Abfolge von Momenten in der Zeit sein, ein spannender Vorgang.

Mädchen, in einem Moment Kind, im anderen schon Frau, nacheinander und manchmal fast gleichzeitig sind das Thema.
Ein ambivalenter Zustand, den wir in diesen Bildern in vielen Details sehen. Ein ganz dunkles im Schatten liegendes Gesicht, dessen Augen, Mund und Nase mit weißem Mondlicht gezeichnet sind. Die Ecke eines Zimmers, in der kein Schatten dunkel, geheimnisvoll konkav zeichnet, sondern die weiße Linie, die den Raum unerwartet nach außen zittern lässt.

In manchen Bildern taucht nun die beobachtende Katze auf. Sie besetzt strategisch leere Raumteile, nimmt wohl auch einmal das Zentrum ein – sind das Selbstportraits?

Wie wir Menschen so sind, vertrauen wir dem, was unsere Augen sehen nicht wirklich und mit dieser Sehnsucht nach der Unterstützung, Erklärung durch das Wort beugen wir uns zur Wand und suchen den Titel. Und tappen der lächelnden Künstlerin, die sich diebisch freut in die schöne Falle!
Titel gibt es! Und was für herrliche. Ein Füllhorn schönster Rilke-Zitate öffnet manchem dieser Bilder eine weitere Dimension, die natürlich mit der poetischen Wirklichkeit Marie Luise Lebschiks zu tun hat, aber sehr bald jeden, der sich auf ihr Spiel einlässt in seine ganz eigene Assoziationswelt entlässt. Heute Abend, denke ich, wird kaum einer sich die Muße nehmen wollen mit träumenden Gedanken, Sätze wie:

„Von Mal zu Mal sind alle Gärten nicht die Selben“, oder

„Ergänz für einen Augenblick die Tanzfigur zum reinen Sternbild“

zu einem Bild zu träumen, aber in einer ruhigen Zeit, oder wenn das Bild dann mit Ihnen nach Hause gewandert ist, wird Ihnen diese Kombination von Bild und Text wunderbare Träume bescheren, die Sie an „die Quellen des Januar“ führen werden.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.