galerie julia garnatz
Johanna Freise
05.11.–17.12.2011

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Johanna Freise
5. November – 17. Dezember 2011

Eröffnung: Freitag 4. November 2011, 18 – 21 Uhr
Mit einer Einführung von Hendrik Bündge um 19 Uhr

 

Im Zentrum von Johanna Freises Werken steht fast immer die Künstlerin selbst. Sie ist die Protagonistin ihrer Bildszenarien. Freise malt sich nach fotografischen Vorlagen oder auch nach ihrem eigenen Spiegelbild, ganz traditionell. Technisch gekonnt füllt sie die Bilder bis an die Ränder aus. Freises Bildhintergründe sind definiert und oftmals prall gefüllt mit Symbolen. Zuweilen an das Jüngste Gericht eines Hieronymus Boscherinnernd, wimmeln in einigen der neuen Arbeiten sonderbare Gestalten.
Johanna Freise, malt mit kräftigen Farben. Leuchtend rot und fast alles dominierend ist der Teppich, über den die Künstlerin in einer ihrer neuesten Arbeiten schreitet – oder vielleicht besser: sich auflösend durch die flankierenden und überraschenderweise abgewandten Zuschauermengen bewegt. Der Hintergrund scheint durch sie hindurch. Das die Zuschauer abgrenzende rote Band wird zur Bordüre ihres Dekolletés. Unter dem langen weißen Abendkleid kommen die Jeanshose und die groben Schuhe hervor. Der Gesichtsausdruck ist angespannt, bemüht um ein Lächeln. Man kann das Unbehagen des Exponiertseins förmlich mit Händen greifen und ist an unbequeme Traumsequenzen erinnert, in denen man sich falsch gekleidet auf der falschen Veranstaltung befand.
In einer mehrteiligen Arbeit tritt uns Johanna Freise auf 10 kleinformatigen, quadratischen Leinwänden in Form einer Bildgeschichte entgegen. „Welcome to my past“ heißt die Reihe. Mit dem „langen Arm“ selbst fotografiert, blickt uns die Künstlerin durch die Linse direkt an. Mit nacktem Oberkörper und zum Teil fratzenhaftem Gesichtsausdruck lässt sie uns von Bild zu Bild immer weiter durch ihre Türe treten, hinein in Ihre Wohnung, hinein in Ihre Vergangenheit. Man folgt ihr, läuft neben der Bilderreihe her, bis man mitten in den Bildern der Vergangenheit steht – die im selben Moment in Flammen aufgehen und verbrennen, wie ein Foto aus einer längst vergangenen Zeit. Zurück bleibt der leere Raum und eine letzte ersterbende Flamme. Man muss Freises Blick auf ihre eigene Person aushalten können. Hier wird nichts geschönt, nichts verborgen. Scheinbar alles wird bloßgelegt, jeder Makel, jede Angst, jede Not, jeder Trieb und jede Unsicherheit. Tabus werden gebrochen, Grenzen überschritten.
Still, in unaufdringlichen Mittel- bis Kleinformaten konfrontiert uns die Künstlerin anhand ihrer Selbstdarstellung mit unseren eigenen Ängsten und Abgründen und gelangt so von der Selbstanalyse zum Topos. Nicht um eigene individuelle Abgründe geht es, sondern um allgemein menschliche. Die Künstlerin führt uns unsere Unzulänglichkeiten vor Augen und erhält dabei trotzdem die Würde ihrer Bildprotagonistin, wie auch die des Betrachters.
Freises Bilder erschließen sich nicht auf den ersten schnellen Blick. Man muss sich einlassen auf Ab- und Hintergründe ihrer Malerei, die uns auf traditionelle und zugleich bemerkenswert moderne Weise den Spiegel vorhält.