galerie julia garnatz
Frank Fischer
Nele-Marie Gräber
Andreas Schneider
26.03.-21.05.2011

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Frank Fischer | Nele-Marie Gräber | Andreas Schneider
26. März  – 21. Mai 2011
Eröffnung: Freitag 25. März 2011, 18 – 21 Uhr

 

An die Grenze gehen.

In der aktuellen Ausstellung werden künstlerische Positionen von drei Studenten und Absolventen der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe vorgestellt.

Frank Fischer, Jahrgang 1968, war Meisterschüler bei John Bock. Kleine Motoren, mal sichtbar mal versteckt, treiben sonderbare Objekte und Installationen an. Die Internationale erklingt im Zeitlupentempo von einer motorbetriebenen Handspieluhr. Eine Kuckucksuhr rüttelt in regelmäßigen Abständen heftig an einem überdimensionalen goldenen Rahmen. Ein kleiner Elektrohund versucht sich durch Vorwärtsgeruckel von einem übergestülpten Pappkarton zu befreien, der an einem großen Kunststoffraster zerrt. Unentrinnbare Kreisläufe sind es, die Frank Fischer in seinen Objekten und Installationen erschafft. Stets den Moment einfangend, unmittelbar bevor alles aus dem Lot zu geraten scheint, beschreitet der Künstler einen extremen Grenzbereich, in dem Fundstücke des alltäglichen Lebens zu einem Sisyphosspiel zusammengesetzt werden. Oftmals überraschende Titel hauchen den Objekten eine Seele ein. Provisorisch Wirkendes erweist sich als ausgeklügelt und eröffnet eine Vielzahl von möglichen Assoziationen und Metaphern. Dabei liegen Dramatik und Komik immer nah beieinander und düpieren die Erwartung des Betrachters.

Nele-Marie Gräber, Jahrgang 1983, studiert seit 2004 bei Günther Umberg und Meuser. Stoffe und Felle aufwändig verarbeitet und genäht, Papier perfekt gefaltet oder mit sensiblen Zeichnungen versehen, sind das künstlerische Universum Gräbers. Ihre präzise genähten Objekte wie Vasen, Krägen oder auch Dachziegel spielen mit dem Gegensatz von hart und weich, Stabilität und Zerbrechlichkeit. Mehrere Schichten Stoff sind übereinandergelegt, zusammengenäht, abgesteppt. Daraus ergeben sich renaissancehafte Kragen- und Vasengebilde von reformatorisch sachlicher Strenge. Alle Skulpturen halten stets aus sich heraus und nutzen keine verborgenen Stabilisatoren. Sie gehen an die Grenze des mit dem Werkstoff Machbaren, loten ihn aus und fragen immer wieder aufs Neue „Wie weit kann ich gehen? Wann hält die Form?“ Auch in ihren kleinformatigen Zeichnungen lotet Gräber minimalistisch die Möglichkeiten aus. Wie die Naht mit farbigem oder dunklem Garn auf weißem Stoff Linien zieht, „zeichnet“ die Künstlerin Ihre sparsamen Aquarelle. Dabei entstehen Formen wie Schnittmuster und Schatten, Pflanzendetails und Gebrauchsgegenstände. Tiefe und Räumlichkeit entsteht, und eine Stofflichkeit, in der man Seide und das Rascheln eines Pergamentes erahnen mag. Auf einen Titel verzichtend stehen sich Sinnlichkeit und Formalität in Gräbers skulpturalem wie zeichnerischem Werk stets gegenüber und schaffen einen Spannungsbogen, dem sich der Betrachter kaum entziehen kann.

Andreas Schneider, Jahrgang 1980, war wie Frank Fischer Meisterschüler bei John Bock. Seit 2010 absolviert er das Postgraduiertenprogramm an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Der ausgebildete Steinmetz und Steinbildhauer kam über die Skulptur und Performance zum Video und Film. Beide Filme die in der Ausstellung zu sehen sind: „o.T. (Jona)“ und „Gagarin“, fordern durch ihre Machart dazu auf, über ihre Herstellung zu reflektieren. Das Innere eines Tanklastwagens wird erst durch die Geräusche des fahrenden Lkws eindeutig interpretierbar. Das Bild alleine lässt nicht eindeutig an eine solche Versuchsanordnung denken, sondern beschwört vielleicht eher, im Sinne des Titels ein „altes“ Bild herauf, zu dem es stets eine humorvolle Distanz bewahrt. Es ist nicht Jona gemeint, der da glaubhaft in Erscheinung treten sollte. Es bleibt eine Assoziation, ein Gedanke an ein anderes Bild, das dem Gesehenen vorausgeht. Ein junger Mann steigt, mit Hilfe einer Seilschlaufe von oben durch eine Luke in den silbernen Tank, in dem ein Schlauchboot schwimmt. Sobald er sitzt, setzt ein Wellengang ein, der das Schlauchboot samt Protagonist wild durch den Tank schaukelt. Nach einer ganzen Weile kommt der kleine Kosmos wieder zur Ruhe und er verlässt das Boot. Ein Tasten nach der Wandung des Tanks erinnert an eine Geste oder Darstellung, die man aus einer alten Malerei noch zu kennen meint, bevor der Protagonist sich im Boot erhebt und nach oben aus dem Bild aussteigt. Zuletzt ist es ein Fuß, der wiederholt ins Bild taucht und Wasser tropft herunter. Es sind gebaute Bilder, im Sinne der Filmischen Machart Vor-Ort-Montagen oder Versuchsanordnungen, die hier für die Kamera inszeniert wurden. In ihrer Kürze und Prägnanz und mit einem Augenzwinkern schielen sie auch auf das frühe Kino, seine Anfänge und spektakulären Bildwelten, die nicht nur durch die Titel der Arbeiten auf eine Differenz, einen Widerspruch, verweisen, den sie nicht aufzulösen versuchen. Sie reiben sich daran und bewahren sich ihre Offenheit für die Gedanken des Betrachters.

Es ist das Komplementäre, das Gegensätzliche, das alle drei Künstler in Ihren Arbeiten verbindet. Sie gehen an Grenzen und fragen immer wieder was möglich ist. Wie weit kann ich gehen? Dabei gelingt es Ihnen, den Betrachter für ihre Inhalte wie für die Entstehungsprozesse und Materialität zu gewinnen und eröffnen dabei ein vielschichtiges, assoziationsreiches Gedanken- und Erfahrungsspiel, zu dem wir Sie herzlich einladen.