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Siegfried Anzinger
Neue Arbeiten
13.03. - 24.04.2010

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Siegfried Anzinger | Neue Arbeiten
13. März – 24. April 2010
Eröffnung Freitag 12. März 2010, 18 – 21 Uhr
Mit einer Einführung von Prof. Dr. Siegfried Gohr um 19 Uhr.

Grau in grau, mit Knollennase und vorgeschobener Unterlippe, die Arme an den Seiten runter hängend und den Bauch leicht vorgewölbt fällt der ernste, vielleicht etwas gelangweilte Blick aus dem Fenster auf die Kirche. Grau als Ebene für alle Farben - aus ihm kommt das Motiv, in Anzinger-Manier von hinten nach vorne und formiert sich in den ungewöhnlich harten Konturen der Männerfigur. Das Spiegelbild einer Laune. Wer schon mal aus dem Studiofenster Anzingers gesehen und auf St. Kunibert geblickt hat, der wird erkennen, dass die Szene spiegelverkehrt dargestellt ist. Humorvoll, ironisch und vielschichtig reflektiert der Künstler in seiner Arbeit. Anzinger möchte „nicht Unsichtbares sichtbar machen, nein das Sichtbare fast zur Unsichtbarkeit bringen“ (Interview 1996 mit Friedhelm Mennekes). Und damit bleibt auch hier offen, worüber der Künstler reflektiert: Abstufungen von Grau, Vorder- und Hintergrund, sich selbst, die Kirche, das Wetter.

Der 1953 in Oberösterreich geborene und in Köln lebende Siegfried Anzinger ist seit 1997 Professor für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. 1982 nahm er bereits an der Documenta VII teil und bespielte 1988 den österreichischen Pavillon der Biennale in Venedig. 2003 erhielt er den Großen Österreichischen Staatspreis und seit 2008 ist er Mitglied des Österreichischen Kunstsenats.

2008 gestaltete Siegfried Anzinger zwei Glasfenster für die gotische Pfarrkirche in Weyer in Österreich, in deren Folge kleine Bilder mit biblischen Motiven und Selbstdarstellungen entstanden. Aus diesen Motiven entwickelten sich zunehmend größere Formate in Leimfarbentechnik, deren Figuration sich in Indianergestalten wandelte. Charakteristisch für Anzinger erscheint das Thema Schöpfung dabei multivalent. Schaffen als Moment der Ewigkeit, als dauernde Erneuerung, ohne auch nur im Entfernten eine sentimentalische Erhöhung einer biblischen Vorlage, des “noble savage” oder der Bildinhalte zu implizieren. Der Bildinhalt ist die Stimulanz der Malerei. Farbfelder grenzen oftmals musterhaft aneinander, ohne dabei das Motiv aufzulösen. Die Motive wiederum kolportieren die Inhalte in Anzingers Malerei. In ihnen nimmt das „Alter Ego“ des Künstlers ständig neue Rollen an. Zuweilen arrangiert wie ein Capriccio oder eine Groteske evoziert Anzinger Melancholie, Komik und Parodie. In direkter Konfrontation stellt Anzinger komplementäre Bildinhalte gegeneinander und erwirkt damit große Spannung. Bizarre Arrangements von Menschen, Tieren und Gegenständen entstehen.

Formal stets auf der Suche nach neuen Wegen, findet die Linie, die Kontur deutlich stärker Einzug in Anzingers Malerei, ein Aspekt den der Künstler der gotischen Glasmalerei entlehnt hat. Die Linien leiten das Motiv ein, betonen und unterlaufen es zugleich. Das Bildthema wird segmentiert und bleibt doch als räumliche Darstellung erhalten. Und wer sich davon für einen kurzen Moment hat in die Irre führen lassen und meint, die Bildaussage erfassen zu können, der wird im selben Augenblick überschüttet von der scheinbar endlose Phantasie des Künstlers. In ihr stehen sich Ernsthaftigkeit und Humor gegenüber, reflektieren aufeinander, stellen in Frage und überlassen die bildnerische Schöpfung zur freien Betrachtung.